Corona und die Psyche

Die Coronamaßnahmen wurden mit dem 29.10.2020 ein zweites Mal als gesetzwidrig vom VfGH entblößt. Trotzdem stellen sie uns alle seit März vor enorme alltägliche Herausforderungen, viele Unsicherheiten und Fragen. Sie dringen in unser Arbeits- Freizeit- Gesellschafts- und mittlerweile ins intimste Privatleben vor.

Unser Gesicht ist unser höchstpersönlicher Bereich. Wir sind darauf programmiert in der Mimik zu lesen und darauf angewiesen das Befinden anderer einschätzen zu können und um erkennen zu können, ob uns jemand wohlgesonnen ist oder nicht. Fehlt diese Information löst dies Irritationen, Unbehangen und Stress aus und unser Gehirn versucht automatisch, unbewusst diese Information zu ergänzen, was über kurz oder lang anstrengend und ermüdend wirkt und besonders Schulkindern, von welchen im Moment verlangt wird den ganzen Tag LehrerInnen konzentriert zuzuhören, die obendrein akustisch schlecht verstehbar durch die Maske sind, unzumutbar ist. Das Gesicht ist umgekehrt aber auch unsere Visitenkarte nach außen, spiegelt unsere Identität und unsere Einzigartigkeit, auf die wir stolz sind, wieder und es dient bewusst wie unbewusst der Kommunikation mit der Außenwelt – Maskenzwang beraubt uns gefühlt unserer Identität, beschränkt massiv unsere sozialen Interaktionen und wirft uns in einer Art sensorischer Isolation und Deprivation auf uns selbst zurück. Diese Art der buchstäblichen Entmündigung ist ein massiver Übergriff, und wirkt dadurch traumatisierend und demütigend. Maskenzwang kränkt und macht krank.

Der Mensch ist ein soziales Wesen, das ohne Berührung und Nähe und das Gefühl des Miteinander und Verstandenwerdens nicht leben kann. Soziale Distanzierung bedeutet dem Begriff nach jemandem mit äußerster Reserviertheit zu begegnen, ihn als fremdartig bis hin zu feindselig einzuschätzen. Eine geringe soziale Distanz hingegen bedeutet dem anderen offen und wohlwollend zu begegnen, ihn als gruppenzugehörig und sympathisch zu empfinden. Soziale Distanz spielt keinerlei Rolle bei Virusübertragung. Soziale Distanzierung kränkt und macht krank.

Die offenbar gemeinte räumliche Distanzierung möchte ein verfassungsmäßiges Grundrecht und Menschenrecht und allem voran ein menschliches Grundbedürfnis auf Berührung und Nähe verbieten. Wir sind sozial darauf geprägt fremden Menschen mit einem Meter Abstand zu begegnen, dort wo wir das nicht wollen, dürfen wir nicht dazu gezwungen werden. Wir sind eigenverantwortliche, selbstwirksame Wesen, die selbst entscheiden und spüren, welchen Stellenwert sie ihren Bedürfnissen einräumen möchten und wann ein Bedürfnis nach Nähe gelebt werden will. Körperkontakt, miteinander Zeit zu verbringen, zu lachen und zu singen, stärken nachweislich das Immunsystem und machen das Leben erst lebenswert. Angst und Dauerstress sowie die Unterdrückung von Nähebedürfnissen oder Erzwingung von Distanz schaden dem Immunsystem. Die Pervertierung unserer Bedürfnisse in etwas Verwerfliches oder Schändliches war im Mittelalter Aufgabe des sogenannten orthodoxen Klerus. Es führt potentiell zur Dissoziierung und Abspaltung eines Teiles unseres Selbst. Studien zur Glücksforschung haben ergeben, dass das was Menschen aller Altersgruppen- und Bildungsschichten als am grundlegendsten für ihre Lebenszufriedenheit empfinden, die Sozialkontakte (Familie, Partner, Freunde, Arbeitskollegen usw.) sind – dies noch vor Gesundheit und Finanzen. Niemand ist eine Insel. Räumliche Distanzierung kränkt und macht krank.

Klinisch-psychologische Beratung und Behandlung kann helfen Kränkungen zu überwinden und die Selbstwirksamkeit wieder zu stärken.

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